Ideensammlung für die szenische Darstellung des ELIAS

Ideensammlung für die szenische Darstellung des ELIAS

Mittel der Distanzierung: Masken bei 'problematischen' Passagen. Muss technisch einfach sein, vielleicht nur in der ersten Chorreihe.

Manche Passagen mit anderem Gestus

Vorwort

Will mich beim Singen nicht distanzieren, da ich mich da als Schauspielerin verstehe.

Einzelne Kontrapunkte, nicht zu viel, auch dem Publikum Raum zur Interpretation geben

Licht: Blitze, Akzente...

Assoziation: Bronzeplastik „De Verwoeste Stad“, Rotterdam (De Verwoeste Stad)

von verschiedenen Stellen der Kirche aus singen

Programmheft schon beim Kartenkauf zum Download bereitstellen und/oder zuschicken

Am Ende gemeinsames „Dona nobis pacem“

ELIAS-Gespräch mit Meinrad Walter, Freiburg – Zusammenfassung

ELIAS-Gespräch mit Meinrad Walter, Freiburg - Zusammenfassung

am 27.01.2021 via Zoom

Mendelssohn will kein Tongemälde, sondern ein dramatisches Geschehen. Daher kein Erzähler und keine Erklärungen. Das Publikum muss daher Vorwissen mitbringen.

Elias ist bei Mendelssohn eine polyphone Gestalt. Er hat 10 Jahre an ihr gearbeitet.

Mendelssohn verstärkt: den Eifer, das Ringen um Glauben, manche magische Züge.
Mendelssohn übergeht die sozialkritische Seite des Propheten (vgl. 1Kön 21). Für uns irgendwie schade.

Mendelssohns Elias bleibt ambivalent. Doch seine dunklen Seiten werden im Werk etwas abgemildert. Dass er verzweifelt ist und sich trösten lässt, wird festgehalten.

Mendelssohn enthistorisiert. Die biblische Vorlage fragt: Was ist die wahre und was die falsche Religion? Mendelssohn fragt: Was ist wahre und was ist falsche Religion, was ist echter und was unzureichender Glaube? Egal in welcher Religion oder Konfession.

Mendelssohns Elias setzt auf Qualität (er hat auf dem Karmel nur das Gebet) statt Quantität (das tun die Baalspriester).

Der Schluss des Oratoriums ist nicht exklusiv christlich, sondern messianisch - und daher jüdisch und christlich verstehbar.

Mit der Gewalt im Stück können wir uns nicht identifizieren. Immerhin geht von ihm aber heute keine gewaltauslösende Wirkung aus. Das Problem ist nicht die Karmel-Szene. Vielmehr müssen wir uns über den Umgang mit historisch gewachsenen Werken verständigen.

Soll man das Werk aufführen und wenn ja wie? Man soll, aber nicht einfach weil es zum Kanon der Top-10-Oratorien gehört. Man soll ins Werk nicht eingreifen, etwa um den Gewaltaspekt herauszuschneiden, denn auch das wäre eine Art gewaltsamer Akt. Man soll kommentieren und hinzufügen, und zwar auf neuen, eigenen Kanälen. Eher künsterlisch als analytisch. Es kommt (wie auch schon innerhalb von Kunstwerken) auf die Einstellung von Nähe und Distanz an.

Theologische Gedanken zu „Elias“

Theologische Gedanken zu „Elias“

Theologische Gedanken zu „Elias“
von Annegrethe Stoltenberg
Christianskirche, 19. August 2020

Begrüßung und Einleitung:

Liebe Leute! Guten Abend! Dies ist nun der 3. Elias-Abend. Und wir sitzen hier mit sehr unterschiedlichen Vorkenntnissen. Einige wissen schon relativ viel – als Chorsängerinnen und -sänger durch die lange Übungsstrecke, die hinter uns liegt; und durch die beiden Vorträge meiner Kollegen:
- von Christoph Störmer viel über Elias, den er historisch eingeordnet und uns als tief religiösen Menschen nahegebracht hat;
- durch Felix John, der uns über den Komponisten Mendelssohn und dessen Arbeit am Elias weitere und vertiefte Zugänge eröffnet hat.
Ich möchte heute Abend von einer anderen Seite herangehen – von unserer als Sänger und Sängerinnen:
Wir mühen uns ja vor allem um die richtigen Noten, das richtige Tempo, die richtige Stimmung – und beim Text vorrangig um die richtige Textverteilung😉. Aber was singen wir da eigentlich und wie passt das zu uns – zu unserem Glauben, zu unserer Spiritualität, zu unserem Nicht-Glauben? Das sind Fragen, die eher an Igors Gedanken aus seinem ersten Schreiben zu unserem Projekt anschließen, wo er uns darauf aufmerksam macht, schonend vorbereitet, dass wir Sätze singen werden, die wir nicht mögen werden: „Er muss sterben!“, „Tötet sie!“ usw. Wir sind ja ansonsten keine Vertreter der Lynchjustiz oder der Todesstrafe.
Ich gehe also noch einmal ganz an den Anfang unserer Begegnung mit diesem wunderbaren und hochkomplexen Werk, dieser „Oper“. Mir sind damals vor allem vier Dinge aufgefallen:
- Wie furchtbar ist die Gewalt in den Texten – wie wunderschön sind die Stellen der Geborgenheit, wenn Gott sich zuwendet!
- Ist es nicht unerträglich, wenn jemand wie Elias meint, er habe die Wahrheit gepachtet?
- Um welche Art Glauben geht es hier eigentlich, wie und was sollen die Menschen „richtig“ glauben? Was erfahre ich inhaltlich über den richtigen Glauben? Ich hatte den Eindruck: Nichts.
- Wieso ist dieser Elias überhaupt so bedeutend – wir kennen den bei uns doch kaum?
Das führt mich also eher zu den Fremdheiten, dem Befremdlichen im „Elias“ – kreisend um die Frage nach Religion und Gewalt und damit eng verbunden, um die Wahrheitsfrage in der Religion.

1. die Gewalt in dem, was wir singen:

- Gott selbst ist gewalttätig, vernichtend, ein rächender und strafender Gott, ein eifriger Gott, wie wir singen; neben seinen guten Seiten 😉: Wenn er rettet, behütet, sich barmherzig zuwendet.
Unglück, Katastrophen, Dürre, Krankheiten – das sind in diesem Verständnis alles Gottes Strafen für menschliches Fehlverhalten.
- Elias als Jahwes zentraler Diener in diesen Texten ist auch gewalttätig, wobei er ja nur göttlichen Befehl folgt und dadurch geradezu berechtigt erscheint! Ihm werden seine Gewalttaten nicht angerechnet, auch das singen wir („Ob tausend fallen zu Deiner Seite…“).
- Fast alle führenden Personen sind gewalttätig oder gewaltbereit: Königin Isebel (mehr als ihr Mann Ahab, wie bei unserem Fischer un sin Fru: Ilsebill, die nich so will as ick wohl will).
- Das Volk ist wie ein Mob, manipulierbar ohne Ende und zu Hass und Todesurteilen und Mord bereit – wie in den Passionsgeschichten des Neuen Testaments (NT).

2. Wer ist der wahre Gott?

Dazu konzentriere ich mich auf die zentrale Stelle der Auseinandersetzung, dem Kampf am Berg Kamel (1.Könige 18). Elias will zeigen, dass nicht Baal, sondern Jahwe der wahre Gott ist. Er initiiert dazu einen Wettstreit, ob Baal oder Jahwe einen Opferaltar in Brand setzen - und später nach dem Feuer noch Regen schicken kann. Unabhängig von historisch-kritischen Erkenntnissen, dass Elias weder genau dann noch dort noch persönlich im Handstreich 100 Menschen umgebracht hat, nehme ich die Geschichte ernst, so wie sie mir erzählt wird und wie sie den Erzählern offensichtlich wichtig ist.
Er gewinnt ja nicht nur den Wettkampf, sondern bringt dann die 100 Baalspriester um!!
Baal oder Jahwe? Worum geht es da überhaupt? Was wir heute wissen:
Baal steht für den Polytheismus, d.h. er war nicht ein einziger Gott, sondern neben ihm stand zentral Mot, so dass Leben und Tod, Licht und Dunkel verteilt waren. Jahwe dagegen ist einer, ein einiger Gott, wie wir an einer Stelle singen – er schließt den Tod mit ein. Das ist in der Tat religionsgeschichtlich, religionspsychologisch ein gewaltiger Schritt – die beiden Kräfte als eines zu begreifen. Das kennen wir, denke ich, alle: ein dualistisches Weltbild, eine Einteilung in Gut und Böse ist sehr viel leichter – als die Erkenntnis, dass alles in allen ist, dass nicht das Böse im anderen und in mir nur das Gute ist. Ein Götterhimmel, ein Polytheismus mit jeweils verschiedenen Repräsentanten der unterschiedlichen Seelenkräfte, die wir erleben, ist sehr viel eingängiger - und ich denke auch, dass es ontogenetisch hilfreich und wichtig ist, diese phylogenetische Phase zu durchgehen oder sich ihrer bewusst zu werden, bevor die abstrakte Einheit „bewältigt“ werden kann.
Im Elias-Text wird ein „fix- und fertiger“ Monotheismus vorausgesetzt, der sich erst Jahrhunderte später so entwickelt hat. Das ist ja immer so verwirrend an den verschiedenen Zeitebenen: Elias lebte ca. 850 v.Chr., die (deuteronomistischen) Königsbücher wurden geschrieben etwa 500 v. Chr., aber auch noch 300 v.Chr. – d.h.: es handelt sich um rückblickende Geschichtsdeutungen!.
Tatsächlich war das Gebiet, in das das „Volk Israel“ um 1100 v. Chr. aus Ägypten zog, vorher bereits bewohnt, es gab mehrere kleine „Völker“ oder Stämme oder Clans, auch sog. Königtümer – was Israel ja zunächst gar nicht war. Es gab also mitnichten eine ethnisch homogene, jüdische Bevölkerung! Alle Einwohner des ursprünglichen Kanaans waren in ihrer Unterschiedlichkeit aber doch sprachlich und religiös „gemein semitisch“ geprägt. Sie teilten die Gottheit „El“ als Vater des kanaanäischen Pantheons – der Name taucht ja vielfach auf: als Gottesname Elohim, in Isra-el, in El- ias, El- isabeth, Micha-el…
Die Kanaaniter als sesshafte Bauern hielten an ihren Naturgottheiten und einem mythischen Weltbild fest, vor allem an Baal, in ihrer Vorstellung der Sohn Els, als ihrem Gott des Wetters, des Regens – und des Krieges. Das Volk Israel kam als nomadisches Hirtenvolk dazu und brachte daher die Vorstellung eines wandernden Gottes mit: Jahwe. Einer, der sich in der Geschichte, nicht in den Naturgewalten zeigt! So sind diese tautologisch erscheinenden Worte auch immer zu verstehen, wenn wir singen: „Der Herr ist Gott“ – es geht darum, wer denn dieser „El“ nun wirklich und wahrhaftig ist – und das ist eben – laut Elias - Jahwe, nicht Baal. Das betont z.B. auch die Stelle am Horeb: Gott ist nicht in den Naturphänomenen (Feuer, Erdbeben, Sturm), sondern in der Stille. Andererseits: Elias tritt den Beweis ja genau mit Naturphänomenen, mit Feuer und Regen an!!
Elias führt also einen Beweis durch Magie: mit magischen Praktiken und Gebeten Gott zu einem bestimmten Handeln bringen. Für uns heute nicht überzeugend. Schwer erträglich, wie arrogant, zynisch und verächtlich er die Baals-Anhänger und Priester auf dem Berg Karmel provoziert. (Die Verachtung gegenüber Baal existiert übrigens bis heute in dem Ausdruck „Baal-Sebub“ – unser Beelzebub, synonym für den Teufel).
Gleichzeitig macht die Szene um die Altäre ja auch noch einmal deutlich, dass wir uns in einer ganz anderen Zeit, in einer ganz anderen Kultur befinden. Wer einmal heute Nomaden erlebt, oder in Filmen und Dokus ein Ritual bei sog. „Naturvölkern“ gesehen hat - aktuell läuft z.B. der Film über Schamanismus „Eine größere Welt“ - , der oder die hat ein Bild davon, wie sich die Baals-Priester und auch Elias in Ekstase, in Trance begeben, um den Altar hinken, sich ritzen und blutig verletzen, sich niederwerfen im Ganzkörper-Einsatz, zum Himmel schreien. Und das Volk macht mit, woher soll es wissen, welches der richtige Gott ist? Der Erfolg entscheidet – und schon schwenken sie auf den anderen Gott. Austauschbar. Sozusagen in Übertragung eines berühmten Ausspruchs: „Der Gott ist tot – es lebe der Gott.“
Es ist eher eine Herrschaftsfrage als eine Glaubensfrage. Schwer zu sagen, was denn im Glauben an Jahwe wirklich „theologisch“ (über den Monotheismus hinaus) anders war – in der Praxis erscheinen sie uns doch ähnlich. Und was das Volk davon verstanden haben wird!?!
Und solche Typen wie Elias, die die Wahrheit gepachtet haben, lassen einen doch eher in vorsichtige Distanz gehen: Auch die Mitglieder der RAF , der IRA, der ETA oder anderer terroristischer Bewegungen treten in der Überzeugung auf, die einzig richtige Wahrheit gepachtet zu haben und darum zur Gewalt legitimiert zu sein.

3. Exkurs: Gewalt im Alten Testament (AT) und NT und Koran

Es geht mir heute ja um die besondere Form der Gewalt, nämlich um die, die gegen Menschengruppen ausgeübt und legitimiert wir; nicht um individuelle Gewalt als menschliches Charakteristikum überhaupt – die kommt in der Bibel von Anfang an vor und wird als Teil der menschlichen Existenz immer wieder gezeigt, angefangen mit Kain und Abel).
Im AT wird Gewalt gegen Menschengruppen an einigen wenigen Stellen - man kann sie etwa an zwei Händen abzählen, incl. Wiederholungen - beschrieben und legitimiert als Gewalt gegen die Feinde Jahwes, die auch Israels Feinde sind. Es geht also dabei um die Deutung der Geschichte Israels – incl. ihrer Siege und Niederlagen.
Erst im NT gibt es dann die absolute Absage an Gewalt. Alle Geschichten ergreifen hier einseitig Partei für die Opfer – schließlich stirbt Gott selbst als Opfer der Gewalt! (siehe dazu den Religionsphilosophen René Girard, Das Heilige und die Gewalt, Zürich 1987).
Es gibt übrigens eine sehr konkrete Vergleichsstelle zu den Vorgängen bei Elias: Lukas 9, 51-56: Jesus und seine Jünger werden in einem samaritanischen Dorf nicht aufgenommen. Die Jünger wollen, dass „Feuer vom Himmel falle und sie verzehre“. Jesus wendet sich um und ermahnt oder bedroht sie – sie gehen in ein anderes Dorf. D.h. nicht, dass der Glaube im NT nicht auch radikal herausfordern kann (zweischneidiges Schwert; wer die Hand an den Pflug legt…; geh und verkauf Deinen Reichtum) – aber das ist der Weg des einzelnen. Da kann die religiöse oder spirituelle Erfahrung schon lebensverändernd sein (ich bin ja vielleicht selbst ein Beispiel dafür). So wie auch Elias radikal, existentiell getroffen wird, z. B. in der Wüste.
Die Gewalt gegen „die anderen“ beschäftigt uns aktuell ja u.a. auch immer wieder weltweit als Frage an den Islam. Da gibt es eine umfangreiche und sehr strittige Debatte, ich bin da keine Expertin, ich habe nur die Auseinandersetzungen um die Amerikanerin Karen Armstrong („Im Namen Gottes, Religion und Gewalt“, München 2015) ein bisschen verfolgt. Die ehemalige Nonne vertritt die These, dass das Christentum genauso voller Gewalt sei wie der Islam. So weit hat sie kaum Gegner, denn dass alle drei „Buch-Religionen“ (und nicht nur die) eine Geschichte voller Gewalt haben, ist unübersehbar. Die Kritik macht sich vielmehr daran fest, dass Karen Armstrong meint, die Bibel sei genauso gewaltlegitimierend wie der Koran. Dem widerspricht z.B. der amerikanische Autor und Al-Qaida-Spezialist Raymond Ibrahim, der sich die Stellen im AT und im Koran einzeln vornimmt und zu einem anderen Ergebnis kommt: Im AT werden solche „Massaker“ als historische Ereignisse beschreiben: Kämpfe, die stattgefunden haben, aber hinter uns liegen. Sie enthalten aber keinen Befehl, dasselbe zu tun oder künftig so fortzufahren. Der Koran sieht aber in seine sog. „Schwert-Versen“ den Islam in einem immerwährenden Krieg mit der nicht-muslimischen Welt, bis letztere sich untergeordnet hat.
Es geht mir nicht darum, eine der Religionen „reinzuwaschen“ – es geht aber darum, die unterschiedlichen Botschaften der drei Bücher ernst zu nehmen, finde ich. Die Gewalt ist trotzdem in alle drei Religionen von den Menschen hineingetragen worden – gerade wächst das z.B. wieder ganz erschreckend in den immer größer werdenden christlich-evangelikalen Gemeinden und Kirchen in Nord- und Südamerika, bis in Regierungskreise hinein.
Die Frage nach der Gewalt in der Religion ist vor kurzem sehr eindrücklich von einem Atheisten (wie es der Philosoph René Girard ja auch war) bearbeitet worden: Tim Crane, Die Bedeutung des Glaubens, Religion aus der Sicht eines Atheisten (Berlin 2019). Der englische Philosophie-Professor geht dort u.a. an aktuellen Beispielen der Frage nach, was überhaupt ein religiöser Konflikt sei. Es geht ja in Konflikten wie in Nordirland z.B. nicht um einen religiösen Dissens wie um die Anerkennung des Papstes oder der Jungfrauengeburt – wahrscheinlich könnten nur die wenigsten Kämpfer auf beiden Seiten die theologischen Differenzen zwischen Katholiken und Anglikanern benennen, für die sich dieser bewaffnete Kampf ihrer Ansicht nach lohnt. Prinzipiell kann man das auf andere Konflikte übertragen – z.B. auch auf die zwischen orthodoxen Serben und muslimischen Kroaten, zwischen Sunniten und Schiiten in der islamischen Welt, zwischen Hindus und Moslems in Indien. D.h. die Religion wird funktionalisiert – es geht aber um andere Interessenkonflikte (ohne dass ich die hier näher beschreiben kann), um Macht, Herrschaft, Einfluss.

4. Wieso überhaupt Elias – was macht ihn so bedeutend?

Im letzten Teil möchte ich mich aber noch einmal mit Elias beschäftigen. Wieso hat er in diesem Werk so eine Bedeutung? Wir kennen ihn doch eigentlich kaum, ich denke, so ist es vielen von Euch gegangen. In der Tat spielt er in unserer evangelischen Tradition, in unserer Kunst und Malerei kaum eine Rolle – eine sehr viel größere allerdings in der jüdischen Religion und in den orthodoxen Kirchen.
Er kommt in der Bibel im AT ja eigentlich relativ kurz vor, etwas verstreut, an wenigen Stellen. Auf jeden Fall taucht er aus dem Nichts auf, unvermittelt – am Anfang auch ohne Auftrag, ohne Gotteserscheinung. Im NT wird aber schon eine ganz lebendige jüdische „Elias-Tradition“ deutlich: Elias soll wiedererscheinen, bevor der Messias kommt. Darum halten manche Johannes den Täufer für den wieder erschienenen Elias, wie er tritt er ja in Fellkleidung, eher wie ein Eremit und Exzentriker auf. Aber auch Jesus wird gefragt, ob er der wieder gekehrte Elias sei. Man kann ja nie wissen…😉.
In der jüdischen Religion ist Elias Wiederkehr natürlich noch offen – wie auch das Kommen des Messias.
Eine bedeutendere Rolle als im westlichen Christentum spielt Elias in den Ostkirchen, in den orthodoxen Kirchen. Mit ihrer Konzentration auf das „Heilige“, eindrücklich in der Ikonenmalerei, gründen sich diese Kirchen stärker in der Spiritualität als in Recht und Ordnung – wie die römische Kirche. Da passt so ein Charismatiker natürlich besser hinein.
Wir reden immer schnell vom „Propheten“ Elias – ich glaube, das war er nicht im eigentlichen Sinne. Ja, das Bild, das von ihm gezeigt wird, entspricht in einigen Punkten dem eines Propheten. In der biblischen Prophetie geht es ja weniger um Zukunftsansagen, als vielmehr um Gegenwartsdeutungen - in der Regel herrschaftskritischen Deutungen! Und denen, die Jahrhunderte später über diese Propheten schreiben, geht es um die Vorhersagen eines Untergangs oder einer Katastrophe oder einer Vertreibung, die längst stattgefunden haben!
Elias hat aber darüber hinaus messianische Züge: Wie Jesus kann er Wunderheilungen bewirken; wie er ist er 40 Tage und Nächte in der Wüste (ein bekanntes, nicht nur messianische Motiv). Er kann Feuer- und Regenwunder bewirken. Und er erlebt eine beeindruckende Himmelfahrt (so dass er eben auch wieder herunterkommen kann!): Ein feuriger Wagen mit feurigen, feurigen Rossen – auch das ein Symbol in verschiedenen Religionen, am bekanntesten vielleicht der Sonnenwagen des Gottes Helios im griechischen Götterhimmel.
Igor hat in einer der letzten Mails noch einmal gestaunt über die Komplexität des Elias – das Staunen teile ich, ein Teil der Antwort liegt für mich darin, dass Elias eben auch mehr als einen Propheten (wie Jesaja und Jeremias) verkörpert.
Daran hätte für mich auch ein Vergleich des Elias mit der Prophetin unserer Zeit, Greta Thunberg, ihre Grenzen, weil sie nichts von den weiteren Wundern tut. Angstfrei die Mächtigen in Frage stellen, das verbindet sie mit den Propheten. Übrigens auch mit Luther, der 500 Jahre früher die herrschende Machtstruktur in Frage stellte: die katholische Kirche. Greta stellt eine andere Herrschaft in Frage: Die ungezügelte Macht des Kapitals.

Schluss

So – und wir? Wir sind das Volk. Ganz anders als damals, wo es keine Frage war, nicht religiös zu sein. Alles und alle waren religiös.
Aber auch wir leben in Systemen, mit Werten – welche Werte sind richtig? Erkenne ich die Systeme überhaupt? Woher soll ich wissen, was wirklich wahr ist? Woher soll ich wissen, wer Recht hat – wo ich gar nicht auch nur annähernd über das Wissen verfüge, das dazu in allen Gebieten inzwischen existiert? Die Frage nach dem wahren Gott im Elias lebt heute in der Frage nach der Wahrheit weiter. Hochaktuell in Corona-Zeiten, in Zeiten der digitalen Medien, der Fake-News. Muss es einen Kampf um die Wahrheit geben? Wenn sich ohnehin ganz andere Interessen in diesen Kampf verbergen? Oder können wir auf den „Kampf“ um Frieden umschwenken? Denn wie sagt schon Paulus:
Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei – aber - nicht der Glaube, nicht mein Glaube, nicht Dein Glaube, sondern - die Liebe ist die größte unter ihnen.
Ich danke für Eure Aufmerksamkeit und freue mich auf das Gespräch.

Gott ist anders: Mendelssohns Elias

Gott ist anders: Mendelssohns Elias

Beitrag zur Andacht mit Bibelgespräch im Juni 2020 in der Christianskirche mit Felix John

Felix Mendelssohn. Als 12-Jähriger spielt er Goethe vor, ein Wunderkind. Im Salon seiner Eltern in Berlin verkehren Humboldts, Heine, Hegel. Ohne Pause werden die Kinder auf Leistung trainiert. Man will zur Spitze dazugehören. Trotz vieler Begabungen gerät Felix weniger exzentrisch, als man denken könnte. Als Erwachsener arbeitet er rastlos. Er reist, gibt Konzerte, ist zwischen musikalischen Aufgaben in Leipzig und Berlin hin- und hergerissen.
Es ist Herbst 1845. In knapp einem Jahr soll Mendelssohn sein Oratorium Elias in Birmingham uraufführen. Das Problem: Noch nicht einmal die Textvorlage ist geschrieben. Obwohl Mendelssohn schon neun Jahre zuvor mit der Arbeit begonnen hat. Wie konnte das passieren?
Mendelssohns Studienfreund Julius Schubring, Kirchenmann in Dessau. Er soll bei der Abfassung des Librettos mitarbeiten. Die gemeinsame Arbeit gerät schon nach wenigen Wochen ins Stocken. Schubring schreibt: Dann wirst du das Libretto eben selbst fertigstellen müssen. Wer kann schon wissen, was dir mal so, mal so im Kopf herumspukt?
In Mendelssohns Kopf spukt herum: Es soll keine Geschichte vorgetragen werden, sondern Sänger und Chor agieren unmittelbar. Szenen werden zu Episoden verbunden, bruchlose Übergänge, geradezu: eine biblische Oper. Die ganze Dramatik des alttestamentlichen Propheten soll so in Szene gesetzt werden. Was hat Mendelssohn sich da ausgesucht?
Der Prophet Elia trägt einen Fellmantel und einen Ledergürtel. Todsicher kennt er Gottes Willen und kann daher Erstaunliches sagen und tun: Spektakulär legt er sich mit Ahab, dem König des Nordreiches Israel mit der Hauptstadt Samaria an. Ihm erklärt Elia, er hat eine Dürre über das Land kommen lassen. Nur er selbst kann bewirken, dass es wieder regnet. Elia wirft König Ahab vor, zusammen mit seiner phönizischen Frau Isebel den Kult des Regengottes Baal ins Land geholt zu haben, wo doch Jahwe allein in Israel verehrt werden soll. Während der Dürre wird der Prophet von Raben ausgiebig mit Fleisch und Brot versorgt. Aus dem Bach Krit kann er Wasser schöpfen.
Jahwe quartiert Elia dann bei einer Witwe ein. Dafür erhält sie unbegrenzt Mehl und Öl. Ihr Sohn aber erkrankt schwer und wird leblos. Voll Furcht hält die Witwe das für eine übernatürliche Strafe. Elia ruft Jahwe an, der hört ihn und das Leben kehrt in den Jungen zurück.
König Ahab schlägt Elia einen ultimativen Kontest vor. Er tritt als letzter Prophet Jahwes gegen fast 1000 Priester Baals und der Göttin Ashera an. Dem Gott der siegreichen Partei soll Israel nachfolgen. Auf dem Karmel findet das Wettopfern statt. Elia spottet: Euer Gott macht eine Siesta, daher erhört er euch nicht. Sein eigenes Brandopfer lässt Elia dreimal mit Wasser übergießen. Dennoch zehren es die Flammen Jahwes restlos auf. Die Konkurrenzpriester schlachtet Elia ab. Mit dem Kopf zwischen den Knien lässt der Prophet den Regen zurückkehren.
Die Flucht vor der Rache Isebels führt Elia in das Südreich Israels, nach Juda. In die Wüste. Unter einem Ginster betet der Erschöpfte: Es ist genug, ich will sterben. Jahwe schickt ihm Wasser und Brot und leitet ihn zum Berg Horeb. Wind, Erdbeben und Feuer umtosen Elia. Als er danach ein Säuseln des Windes hört, verhüllt er sein Gesicht. Jahwe flüstert ihm zu: Geh zurück, setze neue Könige und Propheten ein. Vor den Augen seines Nachfolgers wird Elia am Ende von einem feurigen Wagen mit feurigen Rossen abgeholt und in den Himmel aufgenommen.
Ein gewaltiger Stoff, den Mendelssohn sich da aussucht, und dazu mit dem Schönheitsfehler, dass der Prophet denen den Tod bringt, die Jahwe nicht verehren.
Die Ursache dafür, dass Mendelssohn lange nicht mit der Arbeit am Oratorium vorankommt, ist folgende. Sein Freund und theologischer Berater Schubring besteht darauf, dass das Werk nicht mit Elias Himmelfahrt, sondern mit der Verklärung Jesu Christi endet, von der das Neue Testament erzählt. Elia war ja nicht gestorben, sondern im Feuerwagen in den Himmel gefahren. Daher erwartete man im Judentum seine Wiederkehr am Ende der Zeiten. Er soll einst Israel zur Umkehr aufrufen und in die Erlösung führen. Die frühen Anhänger Jesu erklärten, Elia sei bereits wiedergekommen. Sie erblickten ihn in Johannes dem Täufer. Wie Elia trägt er Fellmantel und Ledergürtel. Wie Elia ruft er zur Umkehr auf. Nach Johannes' Tod erscheinen Jesus auf einem Berg Mose und Elia. Für Julius Schubring läuft die Geschichte Elias daher auf Christus hinaus. Und so soll auch das Oratorium enden. Schubring schreibt an Mendelssohn: „Ich erkenne jetzt mit der bestimmtesten Klarheit, dass das Oratorium keinen anderen als neutestamentlichen Schluss haben darf. Elias muss den alten Bund zum neuen verklären helfen, das ist seine große geschichtliche Bedeutung. Mag Händel sich in seinen alttestamentlichen Oratorien auf dem engen Gebiet alleine bewegen, bei dem Elias und bei dir, zu unserer Zeit muss es anders sein“. Schubring geht es nur um den neuen Bund, das Christentum. Das Alte Testament ist für ihn ein „enges Gebiet“. In „unserer“, der christlichen Zeit hat es nichts Eigenes mehr zu sagen. Wie Schubring dachten die meisten Theologen seiner Zeit. Weit verbreitet war sogar die Ansicht, seit dem Kommen Jesu sei die Zeit des Judentums insgesamt vorbei. Dieser Gedanke gehörte später zu den gängigen Argumenten der christlichen Akteure, die sich von der nationalsozialistischen Politik in Dienst nehmen lassen. Nach Mendelssohns Elias dauerte es 140 Jahre, bis sich in den 1980er-Jahren ein Umdenken in Theologie und Kirche durchsetzte. „[B]ei dir“ schreibt Schuhbring in seinem Brief. Den getauften Juden Mendelssohn glaubt er auf seiner Seite zu haben.
Für Mendelssohn sind die Dinge komplizierter. Auch ihm, dem musikalischen Wunderkind, wird „hep-hep-Judenjunge“ hinterhergerufen. Mit der Taufe will seine Familie endgültig in der Bürgerlichkeit ankommen. Der Junge soll sich Felix Bartholdy nennen, unjüdisch, nach dem Namen des Onkels, eines preußischen Diplomaten. Fordert der Vater. Felix will den „Mendelssohn“ aber nicht hergeben. Als Kompromiss akzeptiert er den Doppelnamen. Wo er kann, lässt er „Bartholdy“ weg.
An sich praktiziert Mendelssohn, was in der Kirche seiner Zeit nicht vorgesehen ist. Er ist überzeugter Protestant und steht gleichzeitig zu den jüdischen Wurzeln. Er will den jüdischen Elias erzählen, benutzt aber die Lutherbibel und baut auch gut lutherisch klingende Choräle in das Oratorium ein.
Nr. 16, Rezitativ mit Chor, T42-59
Schubring will die Geschichte am Ende in christliches Licht tauchen. Mendelssohn bleibt aber dabei, Elia als jüdische Geschichte zu erzählen. Ihm gelingt das Kunststück, das Werk sowohl jüdisch als auch christlich verstehbar zu machen. Der Schlussteil zitiert eine Ankündigung des Propheten Maleachi: „Siehe, ich will euch senden den Propheten Elia, ehe denn da komme der große und schreckliche Tag des Herrn“ (Mal 3,23f), also das Ende der Zeiten. Mendelssohn ändert in seinem Libretto die Zeitform: „Darum ward gesendet der Prophet Elias, eh denn da komme der große und schreckliche Tag des Herrn“.
Nr. 40 Rezitativ T1-8
Die christliche Deutung liegt auf der Hand: Elia ist erschienen, und zwar in Johannes dem Täufer, und hat Jesus den Weg geebnet.
Gleichzeitig funktioniert auch eine jüdische Interpretation. Man kann den Satz als den eines prophetischen Visionärs lesen. Er blickt in die Zukunft – in welcher der erwartete Elias zurückgekehrt ist. So kommen beide Seiten zu ihrem Recht.
Doch warum sucht Mendelssohn sich den Elias aus? Den ganz unmodernen Propheten, nicht nur wort-, sondern auch schwertgewaltig. Mendelssohn ist Enkel des jüdischen Aufklärungsphilosophen Moses Mendelssohn. Im Geist der Toleranz und Aufklärung ist er erzogen worden. Dennoch schreibt er: „Ich hatte mir eigentlich beim Elias einen rechten durch und durch Propheten gedacht, wie wir ihn etwa heut zu Tage wieder brauchen könnten, stark, eifrig, auch wohl bös und zornig und finster, und fast zur ganzen Welt im Gegensatz, und doch getragen wie auf Engelsflügeln.“ Vielleicht ist es vor allem das, was Mendelssohn fasziniert: der Mut, sich mit allen anzulegen, und die Sehnsucht nach Trost, das Schillern zwischen Eindeutigkeit und Zweifel. Ein romantischer Elias.
Elia macht in der Bibel und bei Mendelssohn eine beachtliche Wandlung durch: vom Kämpfer zum passiv-Verzweifelten. Der anfängliche Eifer läuft am Ende ins Leere. Mit Elia ist vor allem zu erfahren: Gott ist immer anders. Mendelssohn macht das zum Programm seines Oratoriums.
Nach dem Sieg über die Baalspriester triumphiert Elia noch: „Des Herren Wort ist wie ein Feuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschlägt“. Vor dem gerechten Richter gilt es sich zu fürchten.
Nr. 17 Arie T1-10
Ist nicht des Herrn Wort wie ein Feuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschlägt? Sein Wort ist wie ein Feuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschlägt (vgl. Jer 23,29).
Gott antwortet seinem Propheten ganz anders, als man denken könnte: Statt Hammer- und Feuerworte zu senden, empfindet er Trauer und Mitleid. Und: Gott antwortet als Frau!
Nr. 18 Arioso T1-21
Weh ihnen, daß sie von mir weichen! Sie müssen verstöret werden, denn sie sind abtrünnig von mir geworden. Ich wollte sie wohl erlösen, wenn sie nicht Lügen wider mich lehrten. Ich wollte sie wohl erlösen, aber sie hören es nicht. Weh ihnen! Weh ihnen! (Hosea 7,13).
Nachdem Elia sich seine Ohnmacht eingestanden hat, kann er erleben, wie Gott ist: anders. Der Herr ist nicht im Sturmwind, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer. „Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen“.
Nr. 34 Chor T165-191
Und in dem Säuseln nahte sich der Herr.
Gott lehrt anders und größer zu denken – jenseits von Gewaltigkeit und Gewaltätigkeit, von bürgerlichen und kirchlichen Maßstäben. Vielleicht ist das Mendelssohns Schlüssel zu Elia.
Nr. 20 Chor T53-73
Die Wasserwogen sind groß und brausen gewaltig. Doch der Herr ist noch größer in der Höhe.
(vgl. Ps 93,3f)
Am Ende hat Mendelssohn das Libretto alleine verfasst und innerhalb von wenigen Wochen die Musik dazu geschrieben. Seiner Freundschaft mit Schubring sollen die Meinungsverschiedenheiten keinen Abbruch getan haben. Dann im August die Town Hall in Birmingham. 400 Mitwirkende, 2000 Besucher. Die Aufführung wird zu einem vollen Erfolg. Acht Nummern müssen als Zugabe wiederholt werden.
Und was das Schicksal der 850 abgeschlachteten Baal- und Aschera-Priester angeht: Die Königebücher sammeln und bearbeiten volkstümliches Material, Märchen. Auch über einen Propheten und Regenmacher, der im 9. Jh. v. Chr. soziale Härten der Könige des Nordreichs Israels anprangerte. Archäologen haben auf dem Karmel gegraben. Einen Kultort des Baal fanden sie nicht. Eine Konkurrenz zwischen Baal und Jahwe hat es wohl nie gegeben, auch kein Massaker an Baalspriestern. Die Königebücher wollen gut zwei Jahrhunderte nach der Zeit Elias die Verschleppung Israels in das Exil nach Babylon erklären, und zwar mit der Abwendung von Gott. Die nichtjüdische Königsgattin Isebel kommt ihnen gerade recht. Israel auf Abwege gebracht zu haben, wird ihr angelastet.
Mendelssohns Elias findet in den ersten Jahren nach dem Erfolg von Birmingham begeisterte Aufnahme. Das Werk kommt den überall florierenden Laien-Singvereinen wie gerufen. Mit der im späteren 19. Jh. Fahrt aufnehmenden Judenfeindschaft geraten Mendelssohn und sein Elias ins Abseits.
Anders als Elia in der biblischen Vorlage hat Mendelssohn Eifer und Passivität nicht in Einklang bringen können. Schon angeschlagen, reist und arbeitet er rastlos weiter. „Ich kann nicht mehr“, gesteht er sich nicht ein. Der Tod seiner Schwester Fanny traumatisiert ihn. Die deutschsprachige Uraufführung des Elias in Hamburg ein Jahr nach Birmingham kann der bereits schwerkranke 38-Jährige nicht mehr miterleben.

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1 Mk 9,13: Elia ist gekommen und sie haben mit ihm gemacht, wie sie es wollten.

Qualität und Gemeinschaft

Qualität und Gemeinschaft

(Igors E-Mail vom 28.04.2020)

Hallo zusammen,

und schon wieder melde ich mich.
Danke für Eure Rückmeldungen zu meiner letzten Mail.
Das tut sehr gut, von Euch zu hören.
Kantor sein ist derzeit ja ein wenig Singen in den Nebel - auch mir fehlt als Musiker die unmittelbare Reaktion, das Wechselspiel der Energien.

Aber es hat auch den schönen Aspekt, dass ich über einige Rückmeldungen nun viel intensiver nachdenke, als es im Vor-Corona-Alltag mit seinen vielen Terminen möglich gewesen wäre.
Neben viel Zustimmung gab es auch zwei Impulse bei einigen von Euch, die unbedingt dazugehören:
1.) Werden wir ein qualitativ gutes Ergebnis abliefern können, wenn uns so viele Präsenzproben fehlen?
2.) Die Chorgemeinschaft fehlt mir, das Arbeiten in der Gruppe!

Das geht sicher nicht nur vielen von Euch so, sondern auch mir.
Ich möchte deshalb auf beide Impulse kurz eingehen.

zu 1.) Ich selber bin ein ziemlicher Qualitätsneurotiker. Ich kann mir auch ohne Corona schon sechs Monate vor dem Konzert in schlaflosen Nächten Sorgen machen, ob ein bestimmter Einsatz zu tief sein wird. Und ich bin ein Mensch, der die Qualitätsentwicklung gerne jederzeit unter Kontrolle hat. Das geht bei mir so weit, dass ich in meiner Freizeit zur Entspannung gelegentlich Videos aus Flugzeug-Cockpits schaue. Dieses planvolle Vorgehen, das ständige Gegenchecken, die klare aber flache Hierarchie (ein Copilot, der seinem Kapitän bei einem Fehler nicht sofort widerspricht, ist ein Sicherheitsrisiko ...) sind Dinge, die auf mich beruhigend wirken. Ihr könnt Euch vorstellen, dass die aktuelle Situation, in der niemand etwas Genaues weiß, für mich eine ziemliche Herausforderung darstellt, gerade bei so einem Großprojekt. Spannenderweise kann ich aber mit den offensichtlichen Unsicherheiten eher besser umgehen als mit den latenten. Und ich arbeite daran, zunächst einmal meinen Qualitätsbegriff zu weiten: Eine Gruppe, die in der Krise wächst, hat an Qualität zugelegt, auch wenn ein einzelner Einsatz zu tief sein sollte. Außerdem kann noch niemand genau sagen, ob die derzeitige Phase von Musterdurchbrechungen nicht auch so viel neue Potentiale wachruft, dass auch die rein musikalische Qualität am Ende besser wird. Auch die Chancen gehören zur Unsicherheit. Auch die bisherigen Grenzen sind unsicher geworden - vielleicht wird das Ergebnis rein musikalisch sogar besser, als es ohne Krise geworden wäre. Für mich ist die Hauptaufgabe auszuhalten, dass ich nicht ganz genau weiß, in welche Richtung es gehen wird.

zu 2.) Ja, das ist so. Erst in der Vereinzelung merkt man, wie wichtig das Kollektiv auch für das individuelle Fortschreiten ist. Das ist ja zunächst mal eine wichtige Erfahrung - christlich gesprochen so eine Art Fastenzeit, nach der man die wiederkommende Fülle viel bewusster und tiefer erlebt. So eine Art "Sieben Wochen ohne" - nur dass wir dieses Mal halt nicht genau wissen, ob es sieben Wochen oder eher sieben Monate sind, in denen wir verzichten. Und dass wir dieses Mal nicht gewissermaßen "kuratieren" können, auf was genau wir nun verzichten wollen. Ich finde, das ist trotzdem eine spannende Zeit. Nachdem wir kulturell seit den 70ern und wirtschaftlich seit den 80ern vor allem auf das Individuum geachtet haben, kehrt das Kollektiv nun zurück. Im Chor ist es paradoxerweise nun gerade andersherum: die Leistung, die uns voranbringt, muss für den Moment eine individuelle sein. Natürlich ist jeder Einsatz leichter, wenn Menschen neben mir auch einsetzen. Aber die Menschen neben mir sind wiederum darauf angewiesen, dass mein eigener, sicherer Einsatz auch ihnen hilft. Die individuelle Leistung hilft also auch der Gemeinschaft und stärkt sie. Und an diesem individuellen Aspekt im Dienst an der Gemeinschaft zu arbeiten, das ist vielleicht die entscheidende Leistung der gegenwärtigen Fastenzeit - die dann eine viel reichere Fülle hervorbringen wird. Also das Gegenteil von Margret Thatcher 1987 - "There´s no such a thing as society". Eher schon John F. Kennedy 1961 - "Ask not what your country can do for you — ask what you can do for your country". Aber, so schön das auch klingt - es bleibt derzeit einfach auszuhalten, dass uns die menschliche Nähe fehlt. Daran gibt´s nichts zu deuteln.

Ich selber muss also als Chorleiter ohne letzte Garantien leben und kann keine geben.
Aber ich arbeite daran, den Boden für das Wachsen der unsicheren Chancen zu bereiten, und nicht für das Wachsen der unsicheren Risiken.
In Bezug auf unser qualitätvolles Singen in Gemeinschaft gibt es dabei drei Ebenen, auf denen wir arbeiten können und die alle zusammenspielen:
Eine geistige Ebene - welche Signale sendet mein Kopf an Körper und Seele und welche klaren Signale muss er senden?
Eine psychische Ebene - welche Signale des Kopfes lässt meine Seele in den Körper durchdringen und welche fängt sie ab?
Eine vegetative Ebene - wie gelingt es dem komplexen Muskelsystem, die Signale umzusetzen?

Vielleicht ist momentan die Zeit, besonders an der geistigen Ebene zu arbeiten - und damit zu einem späteren Zeitpunkt die beiden anderen Ebenen zu viel schnellerem Wachstum zu führen. Aber wer weiß - vielleicht können wir individuell auch an allen Ebenen arbeiten. Nicht jeder auf die gleiche Weise, aber dafür viel spezifischer.
Ich schreib Euch in den nächsten Tagen dazu noch jeweils eine konkrete Mail.
Damit Ihr wisst, wie mein Plan für das Unplanbare ist. Oder eher: Meine Pläne ...

Meine Vermutung und Überzeugung ist:
1.) Wir werden durch die derzeitige Erfahrung letztlich zu einer besseren musikalischen Qualität finden, als wir sie ohne die Krise erreicht hätten.
2.) Unser Gemeinschaftsgefühl als Chor wird tiefer, gewachsener und gereifter sein als vor Corona.

Dafür tue ich alles.
Darauf setze ich meine Hoffnung.
Toll, dass Ihr dabei seid!

Herzliche Grüße
Euer Igor Zeller

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