Gott ist anders: Mendelssohns Elias

Gott ist anders: Mendelssohns Elias

Beitrag zur Andacht mit Bibelgespräch im Juni 2020 in der Christianskirche mit Felix John

Felix Mendelssohn. Als 12-Jähriger spielt er Goethe vor, ein Wunderkind. Im Salon seiner Eltern in Berlin verkehren Humboldts, Heine, Hegel. Ohne Pause werden die Kinder auf Leistung trainiert. Man will zur Spitze dazugehören. Trotz vieler Begabungen gerät Felix weniger exzentrisch, als man denken könnte. Als Erwachsener arbeitet er rastlos. Er reist, gibt Konzerte, ist zwischen musikalischen Aufgaben in Leipzig und Berlin hin- und hergerissen.
Es ist Herbst 1845. In knapp einem Jahr soll Mendelssohn sein Oratorium Elias in Birmingham uraufführen. Das Problem: Noch nicht einmal die Textvorlage ist geschrieben. Obwohl Mendelssohn schon neun Jahre zuvor mit der Arbeit begonnen hat. Wie konnte das passieren?
Mendelssohns Studienfreund Julius Schubring, Kirchenmann in Dessau. Er soll bei der Abfassung des Librettos mitarbeiten. Die gemeinsame Arbeit gerät schon nach wenigen Wochen ins Stocken. Schubring schreibt: Dann wirst du das Libretto eben selbst fertigstellen müssen. Wer kann schon wissen, was dir mal so, mal so im Kopf herumspukt?
In Mendelssohns Kopf spukt herum: Es soll keine Geschichte vorgetragen werden, sondern Sänger und Chor agieren unmittelbar. Szenen werden zu Episoden verbunden, bruchlose Übergänge, geradezu: eine biblische Oper. Die ganze Dramatik des alttestamentlichen Propheten soll so in Szene gesetzt werden. Was hat Mendelssohn sich da ausgesucht?
Der Prophet Elia trägt einen Fellmantel und einen Ledergürtel. Todsicher kennt er Gottes Willen und kann daher Erstaunliches sagen und tun: Spektakulär legt er sich mit Ahab, dem König des Nordreiches Israel mit der Hauptstadt Samaria an. Ihm erklärt Elia, er hat eine Dürre über das Land kommen lassen. Nur er selbst kann bewirken, dass es wieder regnet. Elia wirft König Ahab vor, zusammen mit seiner phönizischen Frau Isebel den Kult des Regengottes Baal ins Land geholt zu haben, wo doch Jahwe allein in Israel verehrt werden soll. Während der Dürre wird der Prophet von Raben ausgiebig mit Fleisch und Brot versorgt. Aus dem Bach Krit kann er Wasser schöpfen.
Jahwe quartiert Elia dann bei einer Witwe ein. Dafür erhält sie unbegrenzt Mehl und Öl. Ihr Sohn aber erkrankt schwer und wird leblos. Voll Furcht hält die Witwe das für eine übernatürliche Strafe. Elia ruft Jahwe an, der hört ihn und das Leben kehrt in den Jungen zurück.
König Ahab schlägt Elia einen ultimativen Kontest vor. Er tritt als letzter Prophet Jahwes gegen fast 1000 Priester Baals und der Göttin Ashera an. Dem Gott der siegreichen Partei soll Israel nachfolgen. Auf dem Karmel findet das Wettopfern statt. Elia spottet: Euer Gott macht eine Siesta, daher erhört er euch nicht. Sein eigenes Brandopfer lässt Elia dreimal mit Wasser übergießen. Dennoch zehren es die Flammen Jahwes restlos auf. Die Konkurrenzpriester schlachtet Elia ab. Mit dem Kopf zwischen den Knien lässt der Prophet den Regen zurückkehren.
Die Flucht vor der Rache Isebels führt Elia in das Südreich Israels, nach Juda. In die Wüste. Unter einem Ginster betet der Erschöpfte: Es ist genug, ich will sterben. Jahwe schickt ihm Wasser und Brot und leitet ihn zum Berg Horeb. Wind, Erdbeben und Feuer umtosen Elia. Als er danach ein Säuseln des Windes hört, verhüllt er sein Gesicht. Jahwe flüstert ihm zu: Geh zurück, setze neue Könige und Propheten ein. Vor den Augen seines Nachfolgers wird Elia am Ende von einem feurigen Wagen mit feurigen Rossen abgeholt und in den Himmel aufgenommen.
Ein gewaltiger Stoff, den Mendelssohn sich da aussucht, und dazu mit dem Schönheitsfehler, dass der Prophet denen den Tod bringt, die Jahwe nicht verehren.
Die Ursache dafür, dass Mendelssohn lange nicht mit der Arbeit am Oratorium vorankommt, ist folgende. Sein Freund und theologischer Berater Schubring besteht darauf, dass das Werk nicht mit Elias Himmelfahrt, sondern mit der Verklärung Jesu Christi endet, von der das Neue Testament erzählt. Elia war ja nicht gestorben, sondern im Feuerwagen in den Himmel gefahren. Daher erwartete man im Judentum seine Wiederkehr am Ende der Zeiten. Er soll einst Israel zur Umkehr aufrufen und in die Erlösung führen. Die frühen Anhänger Jesu erklärten, Elia sei bereits wiedergekommen. Sie erblickten ihn in Johannes dem Täufer. Wie Elia trägt er Fellmantel und Ledergürtel. Wie Elia ruft er zur Umkehr auf. Nach Johannes' Tod erscheinen Jesus auf einem Berg Mose und Elia. Für Julius Schubring läuft die Geschichte Elias daher auf Christus hinaus. Und so soll auch das Oratorium enden. Schubring schreibt an Mendelssohn: „Ich erkenne jetzt mit der bestimmtesten Klarheit, dass das Oratorium keinen anderen als neutestamentlichen Schluss haben darf. Elias muss den alten Bund zum neuen verklären helfen, das ist seine große geschichtliche Bedeutung. Mag Händel sich in seinen alttestamentlichen Oratorien auf dem engen Gebiet alleine bewegen, bei dem Elias und bei dir, zu unserer Zeit muss es anders sein“. Schubring geht es nur um den neuen Bund, das Christentum. Das Alte Testament ist für ihn ein „enges Gebiet“. In „unserer“, der christlichen Zeit hat es nichts Eigenes mehr zu sagen. Wie Schubring dachten die meisten Theologen seiner Zeit. Weit verbreitet war sogar die Ansicht, seit dem Kommen Jesu sei die Zeit des Judentums insgesamt vorbei. Dieser Gedanke gehörte später zu den gängigen Argumenten der christlichen Akteure, die sich von der nationalsozialistischen Politik in Dienst nehmen lassen. Nach Mendelssohns Elias dauerte es 140 Jahre, bis sich in den 1980er-Jahren ein Umdenken in Theologie und Kirche durchsetzte. „[B]ei dir“ schreibt Schuhbring in seinem Brief. Den getauften Juden Mendelssohn glaubt er auf seiner Seite zu haben.
Für Mendelssohn sind die Dinge komplizierter. Auch ihm, dem musikalischen Wunderkind, wird „hep-hep-Judenjunge“ hinterhergerufen. Mit der Taufe will seine Familie endgültig in der Bürgerlichkeit ankommen. Der Junge soll sich Felix Bartholdy nennen, unjüdisch, nach dem Namen des Onkels, eines preußischen Diplomaten. Fordert der Vater. Felix will den „Mendelssohn“ aber nicht hergeben. Als Kompromiss akzeptiert er den Doppelnamen. Wo er kann, lässt er „Bartholdy“ weg.
An sich praktiziert Mendelssohn, was in der Kirche seiner Zeit nicht vorgesehen ist. Er ist überzeugter Protestant und steht gleichzeitig zu den jüdischen Wurzeln. Er will den jüdischen Elias erzählen, benutzt aber die Lutherbibel und baut auch gut lutherisch klingende Choräle in das Oratorium ein.
Nr. 16, Rezitativ mit Chor, T42-59
Schubring will die Geschichte am Ende in christliches Licht tauchen. Mendelssohn bleibt aber dabei, Elia als jüdische Geschichte zu erzählen. Ihm gelingt das Kunststück, das Werk sowohl jüdisch als auch christlich verstehbar zu machen. Der Schlussteil zitiert eine Ankündigung des Propheten Maleachi: „Siehe, ich will euch senden den Propheten Elia, ehe denn da komme der große und schreckliche Tag des Herrn“ (Mal 3,23f), also das Ende der Zeiten. Mendelssohn ändert in seinem Libretto die Zeitform: „Darum ward gesendet der Prophet Elias, eh denn da komme der große und schreckliche Tag des Herrn“.
Nr. 40 Rezitativ T1-8
Die christliche Deutung liegt auf der Hand: Elia ist erschienen, und zwar in Johannes dem Täufer, und hat Jesus den Weg geebnet.
Gleichzeitig funktioniert auch eine jüdische Interpretation. Man kann den Satz als den eines prophetischen Visionärs lesen. Er blickt in die Zukunft – in welcher der erwartete Elias zurückgekehrt ist. So kommen beide Seiten zu ihrem Recht.
Doch warum sucht Mendelssohn sich den Elias aus? Den ganz unmodernen Propheten, nicht nur wort-, sondern auch schwertgewaltig. Mendelssohn ist Enkel des jüdischen Aufklärungsphilosophen Moses Mendelssohn. Im Geist der Toleranz und Aufklärung ist er erzogen worden. Dennoch schreibt er: „Ich hatte mir eigentlich beim Elias einen rechten durch und durch Propheten gedacht, wie wir ihn etwa heut zu Tage wieder brauchen könnten, stark, eifrig, auch wohl bös und zornig und finster, und fast zur ganzen Welt im Gegensatz, und doch getragen wie auf Engelsflügeln.“ Vielleicht ist es vor allem das, was Mendelssohn fasziniert: der Mut, sich mit allen anzulegen, und die Sehnsucht nach Trost, das Schillern zwischen Eindeutigkeit und Zweifel. Ein romantischer Elias.
Elia macht in der Bibel und bei Mendelssohn eine beachtliche Wandlung durch: vom Kämpfer zum passiv-Verzweifelten. Der anfängliche Eifer läuft am Ende ins Leere. Mit Elia ist vor allem zu erfahren: Gott ist immer anders. Mendelssohn macht das zum Programm seines Oratoriums.
Nach dem Sieg über die Baalspriester triumphiert Elia noch: „Des Herren Wort ist wie ein Feuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschlägt“. Vor dem gerechten Richter gilt es sich zu fürchten.
Nr. 17 Arie T1-10
Ist nicht des Herrn Wort wie ein Feuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschlägt? Sein Wort ist wie ein Feuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschlägt (vgl. Jer 23,29).
Gott antwortet seinem Propheten ganz anders, als man denken könnte: Statt Hammer- und Feuerworte zu senden, empfindet er Trauer und Mitleid. Und: Gott antwortet als Frau!
Nr. 18 Arioso T1-21
Weh ihnen, daß sie von mir weichen! Sie müssen verstöret werden, denn sie sind abtrünnig von mir geworden. Ich wollte sie wohl erlösen, wenn sie nicht Lügen wider mich lehrten. Ich wollte sie wohl erlösen, aber sie hören es nicht. Weh ihnen! Weh ihnen! (Hosea 7,13).
Nachdem Elia sich seine Ohnmacht eingestanden hat, kann er erleben, wie Gott ist: anders. Der Herr ist nicht im Sturmwind, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer. „Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen“.
Nr. 34 Chor T165-191
Und in dem Säuseln nahte sich der Herr.
Gott lehrt anders und größer zu denken – jenseits von Gewaltigkeit und Gewaltätigkeit, von bürgerlichen und kirchlichen Maßstäben. Vielleicht ist das Mendelssohns Schlüssel zu Elia.
Nr. 20 Chor T53-73
Die Wasserwogen sind groß und brausen gewaltig. Doch der Herr ist noch größer in der Höhe.
(vgl. Ps 93,3f)
Am Ende hat Mendelssohn das Libretto alleine verfasst und innerhalb von wenigen Wochen die Musik dazu geschrieben. Seiner Freundschaft mit Schubring sollen die Meinungsverschiedenheiten keinen Abbruch getan haben. Dann im August die Town Hall in Birmingham. 400 Mitwirkende, 2000 Besucher. Die Aufführung wird zu einem vollen Erfolg. Acht Nummern müssen als Zugabe wiederholt werden.
Und was das Schicksal der 850 abgeschlachteten Baal- und Aschera-Priester angeht: Die Königebücher sammeln und bearbeiten volkstümliches Material, Märchen. Auch über einen Propheten und Regenmacher, der im 9. Jh. v. Chr. soziale Härten der Könige des Nordreichs Israels anprangerte. Archäologen haben auf dem Karmel gegraben. Einen Kultort des Baal fanden sie nicht. Eine Konkurrenz zwischen Baal und Jahwe hat es wohl nie gegeben, auch kein Massaker an Baalspriestern. Die Königebücher wollen gut zwei Jahrhunderte nach der Zeit Elias die Verschleppung Israels in das Exil nach Babylon erklären, und zwar mit der Abwendung von Gott. Die nichtjüdische Königsgattin Isebel kommt ihnen gerade recht. Israel auf Abwege gebracht zu haben, wird ihr angelastet.
Mendelssohns Elias findet in den ersten Jahren nach dem Erfolg von Birmingham begeisterte Aufnahme. Das Werk kommt den überall florierenden Laien-Singvereinen wie gerufen. Mit der im späteren 19. Jh. Fahrt aufnehmenden Judenfeindschaft geraten Mendelssohn und sein Elias ins Abseits.
Anders als Elia in der biblischen Vorlage hat Mendelssohn Eifer und Passivität nicht in Einklang bringen können. Schon angeschlagen, reist und arbeitet er rastlos weiter. „Ich kann nicht mehr“, gesteht er sich nicht ein. Der Tod seiner Schwester Fanny traumatisiert ihn. Die deutschsprachige Uraufführung des Elias in Hamburg ein Jahr nach Birmingham kann der bereits schwerkranke 38-Jährige nicht mehr miterleben.

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1 Mk 9,13: Elia ist gekommen und sie haben mit ihm gemacht, wie sie es wollten.

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