Qualität und Gemeinschaft

Qualität und Gemeinschaft

(Igors E-Mail vom 28.04.2020)

Hallo zusammen,

und schon wieder melde ich mich.
Danke für Eure Rückmeldungen zu meiner letzten Mail.
Das tut sehr gut, von Euch zu hören.
Kantor sein ist derzeit ja ein wenig Singen in den Nebel - auch mir fehlt als Musiker die unmittelbare Reaktion, das Wechselspiel der Energien.

Aber es hat auch den schönen Aspekt, dass ich über einige Rückmeldungen nun viel intensiver nachdenke, als es im Vor-Corona-Alltag mit seinen vielen Terminen möglich gewesen wäre.
Neben viel Zustimmung gab es auch zwei Impulse bei einigen von Euch, die unbedingt dazugehören:
1.) Werden wir ein qualitativ gutes Ergebnis abliefern können, wenn uns so viele Präsenzproben fehlen?
2.) Die Chorgemeinschaft fehlt mir, das Arbeiten in der Gruppe!

Das geht sicher nicht nur vielen von Euch so, sondern auch mir.
Ich möchte deshalb auf beide Impulse kurz eingehen.

zu 1.) Ich selber bin ein ziemlicher Qualitätsneurotiker. Ich kann mir auch ohne Corona schon sechs Monate vor dem Konzert in schlaflosen Nächten Sorgen machen, ob ein bestimmter Einsatz zu tief sein wird. Und ich bin ein Mensch, der die Qualitätsentwicklung gerne jederzeit unter Kontrolle hat. Das geht bei mir so weit, dass ich in meiner Freizeit zur Entspannung gelegentlich Videos aus Flugzeug-Cockpits schaue. Dieses planvolle Vorgehen, das ständige Gegenchecken, die klare aber flache Hierarchie (ein Copilot, der seinem Kapitän bei einem Fehler nicht sofort widerspricht, ist ein Sicherheitsrisiko ...) sind Dinge, die auf mich beruhigend wirken. Ihr könnt Euch vorstellen, dass die aktuelle Situation, in der niemand etwas Genaues weiß, für mich eine ziemliche Herausforderung darstellt, gerade bei so einem Großprojekt. Spannenderweise kann ich aber mit den offensichtlichen Unsicherheiten eher besser umgehen als mit den latenten. Und ich arbeite daran, zunächst einmal meinen Qualitätsbegriff zu weiten: Eine Gruppe, die in der Krise wächst, hat an Qualität zugelegt, auch wenn ein einzelner Einsatz zu tief sein sollte. Außerdem kann noch niemand genau sagen, ob die derzeitige Phase von Musterdurchbrechungen nicht auch so viel neue Potentiale wachruft, dass auch die rein musikalische Qualität am Ende besser wird. Auch die Chancen gehören zur Unsicherheit. Auch die bisherigen Grenzen sind unsicher geworden - vielleicht wird das Ergebnis rein musikalisch sogar besser, als es ohne Krise geworden wäre. Für mich ist die Hauptaufgabe auszuhalten, dass ich nicht ganz genau weiß, in welche Richtung es gehen wird.

zu 2.) Ja, das ist so. Erst in der Vereinzelung merkt man, wie wichtig das Kollektiv auch für das individuelle Fortschreiten ist. Das ist ja zunächst mal eine wichtige Erfahrung - christlich gesprochen so eine Art Fastenzeit, nach der man die wiederkommende Fülle viel bewusster und tiefer erlebt. So eine Art "Sieben Wochen ohne" - nur dass wir dieses Mal halt nicht genau wissen, ob es sieben Wochen oder eher sieben Monate sind, in denen wir verzichten. Und dass wir dieses Mal nicht gewissermaßen "kuratieren" können, auf was genau wir nun verzichten wollen. Ich finde, das ist trotzdem eine spannende Zeit. Nachdem wir kulturell seit den 70ern und wirtschaftlich seit den 80ern vor allem auf das Individuum geachtet haben, kehrt das Kollektiv nun zurück. Im Chor ist es paradoxerweise nun gerade andersherum: die Leistung, die uns voranbringt, muss für den Moment eine individuelle sein. Natürlich ist jeder Einsatz leichter, wenn Menschen neben mir auch einsetzen. Aber die Menschen neben mir sind wiederum darauf angewiesen, dass mein eigener, sicherer Einsatz auch ihnen hilft. Die individuelle Leistung hilft also auch der Gemeinschaft und stärkt sie. Und an diesem individuellen Aspekt im Dienst an der Gemeinschaft zu arbeiten, das ist vielleicht die entscheidende Leistung der gegenwärtigen Fastenzeit - die dann eine viel reichere Fülle hervorbringen wird. Also das Gegenteil von Margret Thatcher 1987 - "There´s no such a thing as society". Eher schon John F. Kennedy 1961 - "Ask not what your country can do for you — ask what you can do for your country". Aber, so schön das auch klingt - es bleibt derzeit einfach auszuhalten, dass uns die menschliche Nähe fehlt. Daran gibt´s nichts zu deuteln.

Ich selber muss also als Chorleiter ohne letzte Garantien leben und kann keine geben.
Aber ich arbeite daran, den Boden für das Wachsen der unsicheren Chancen zu bereiten, und nicht für das Wachsen der unsicheren Risiken.
In Bezug auf unser qualitätvolles Singen in Gemeinschaft gibt es dabei drei Ebenen, auf denen wir arbeiten können und die alle zusammenspielen:
Eine geistige Ebene - welche Signale sendet mein Kopf an Körper und Seele und welche klaren Signale muss er senden?
Eine psychische Ebene - welche Signale des Kopfes lässt meine Seele in den Körper durchdringen und welche fängt sie ab?
Eine vegetative Ebene - wie gelingt es dem komplexen Muskelsystem, die Signale umzusetzen?

Vielleicht ist momentan die Zeit, besonders an der geistigen Ebene zu arbeiten - und damit zu einem späteren Zeitpunkt die beiden anderen Ebenen zu viel schnellerem Wachstum zu führen. Aber wer weiß - vielleicht können wir individuell auch an allen Ebenen arbeiten. Nicht jeder auf die gleiche Weise, aber dafür viel spezifischer.
Ich schreib Euch in den nächsten Tagen dazu noch jeweils eine konkrete Mail.
Damit Ihr wisst, wie mein Plan für das Unplanbare ist. Oder eher: Meine Pläne ...

Meine Vermutung und Überzeugung ist:
1.) Wir werden durch die derzeitige Erfahrung letztlich zu einer besseren musikalischen Qualität finden, als wir sie ohne die Krise erreicht hätten.
2.) Unser Gemeinschaftsgefühl als Chor wird tiefer, gewachsener und gereifter sein als vor Corona.

Dafür tue ich alles.
Darauf setze ich meine Hoffnung.
Toll, dass Ihr dabei seid!

Herzliche Grüße
Euer Igor Zeller

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